Title:

Der Schach von Wuthenow

Home
deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
|<< First     < Previous     Index     Next >     Last >>|
  Wir empfehlen:       
 

21. Victoire von Schach an Lisette von Perbandt Rom, 18. August 1807. Ma chère Lisette. Daß ich Dir sagen könnte, wie gerührt ich war über so liebe Zeilen! Aus dem Elend des Krieges, aus Kränkungen und Verlusten heraus, hast Du mich mit Zeichen alter, unveränderter Freundschaft überschüttet und mir meine Versäumnisse nicht zum Üblen gedeutet. Mama wollte mehr als einmal schreiben, aber ich selber bat sie, damit zu warten. Ach, meine teure Lisette, Du nimmst teil an meinem Schicksal und glaubst, der Zeitpunkt sei nun da, mich gegen Dich auszusprechen. Und Du hast recht. Ich will es tun, so gut  ich’s kann. »Wie sich das alles erklärt?« fragst Du und setzest hinzu: »Du stündest vor einem Rätsel, das sich  Dir  nicht  lösen  wolle.«  Meine  liebe  Lisette,  wie  lösen  sich  die  Rätsel?  Nie.  Ein  Rest  von Dunklem  und  Unaufgeklärtem  bleibt,  und  in  die  letzten  und  geheimsten  Triebfedern  andrer  oder auch nur unsrer eignen Handlungsweise hineinzublicken, ist uns versagt.  Er sei, so versichern die Leute, der schöne Schach gewesen, und ich, das Mindeste zu sagen, die nicht-schöne Victoire – das habe den Spott herausgefordert, und diesem Spotte  Trotz zu bieten, dazu habe er nicht die Kraft gehabt. Und so sei er denn aus Furcht vor dem Leben in den Tod gegangen. So sagt die Welt, und in vielem wird es zutreffen. Schrieb er mir doch Ähnliches und verklagte sich darüber. Aber wie die Welt strenger gewesen ist, als nötig, so vielleicht auch er selbst. Ich seh es  in  einem  andern  Licht.  Er  wußte  sehr  wohl,  daß  aller  Spott  der  Welt  schließlich  erlahmt  und erlischt,  und  war  im  übrigen  auch  Manns  genug,  diesen  Spott  zu  bekämpfen,  im  Fall  er  nicht erlahmen  und  nicht  erlöschen  wollte.  Nein,  er  fürchtete  sich  nicht  vor  diesem  Kampf,  oder wenigstens nicht so, wie vermutet wird; aber eine kluge Stimme, die die Stimme seiner eigensten und innersten Natur war, rief ihm beständig zu, daß er diesen Kampf umsonst kämpfen, und daß er, wenn auch siegreich gegen die Welt, nicht siegreich gegen sich selber sein würde. Das war es. Er gehörte durchaus, und mehr als irgendwer, den ich kennengelernt habe, zu den Männern, die nicht für die Ehe geschaffen sind. Ich erzählte Dir schon, bei früherer Gelegenheit, von einem Ausfluge nach Tempelhof, der überhaupt in mehr als einer Beziehung einen Wendepunkt für uns bedeutete. Heimkehrend aus der Kirche, sprachen wir über Ordensritter und Ordensregeln, und der ungesucht ernste Ton, mit dem er, trotz meiner Neckereien, den Gegenstand behandelte, zeigte mir deutlich, welchen  Idealen  er  nachhing.  Und  unter  diesen  Idealen  –  all  seiner  Liaisons  unerachtet,  oder vielleicht  auch  um  dieser  Liaisons  willen  –  war  sicherlich  nicht  die  Ehe.  Noch  jetzt  darfich  Dir versichern,  und  die  Sehnsucht  meines  Herzens  ändert  nichts  an  dieser  Erkenntnis,  daß  es  mir schwer, ja fast unmöglich ist, ihn mir au sein de sa famille vorzustellen. Ein Kardinal (ich seh ihrer hier täglich) läßt sich eben nicht als Ehemann denken. Und Schach auch nicht. Da hast Du mein Bekenntnis, und Ähnliches muß er selber gedacht und empfunden haben, wenn er auch freilich in seinem Abschiedsbriefe darüber schwieg. Er war seiner ganzen Natur nach auf Repräsentation und Geltendmachung einer gewissen Grandezza gestellt, auf mehr äußerliche Dinge, woraus Du sehen magst, daß ich ihn nicht überschätze. Wirklich, wenn ich ihn in seinen Fehden mit Bülow  immer  wieder  und  wieder  unterliegen  sah,  so  fühlt  ich  nur  zu  deutlich,  daß  er  weder  ein Mann von hervorragender geistiger Bedeutung, noch von superiorem Charakter sei; zugegeben das alles; und doch war er andererseits durchaus befähigt, innerhalb enggezogener Kreise zu glänzen und  zu  herrschen.  Er  war  wie  dazu  bestimmt,  der  Halbgott  eines  prinzlichen  Hofes  zu  sein,  und würde diese Bestimmung, Du darfst darüber nicht lachen, nicht bloß zu seiner persönlichen Freude, sondern auch zum Glück und Segen anderer, ja vieler anderer, erfüllt haben. Denn er war ein guter Mensch,  und  auch  klug  genug,  um  immer  das  Gute  zu  wollen.  An  dieser  Laufbahn  als  ein prinzlicher   Liebling   und   Plenipotentiaire   hätt   ich   ihn   verhindert,   ja,   hätt   ihn,   bei   meinen anspruchslosen Gewohnheiten, aus all und jeder Karriere herausgerissen und ihn nach Wuthenow hingezwungen,  um  mit  mir  ein  Spargelbeet  anzulegen  oder  der  Kluckhenne  die  Küchelchen wegzunehmen. Davor erschrak er. Er sah ein kleines und beschränktes Leben vor sich, und war, ich will nicht sagen auf ein großes gestellt, aber doch auf ein solches, das ihm als groß erschien. 73
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit Umwandlungsgesetz, Wertpapiererw...
Zivilprozeßordnung. ZPO
 
   
 
     
|<< First     < Previous     Index     Next >     Last >>| 

Back to the topic sites:
CopyrightedBy.com/Startseite/Genres/Romane
CopyrightedBy.com/Startseite/Autoren/F/Fontane

External Links to this site are permitted without prior consent.
   
  Home  |  deutsch  |  Set bookmark  |  Send a friend a link  |  Impressum