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Der Schach von Wuthenow

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Der Lakai verneigte sich und kam mit der Antwort zurück: »Der Herr General läßt bitten, in das Vorzimmer einzutreten.« Frau von Carayon hatte nicht lange zu warten. General von Köckritz, von dem die Sage ging, daß er außer seiner leidenschaftlichen Liebe zu seinem Könige keine weitere Passion als eine Pfeife Tabak und einen Rubber Whist habe, trat ihr von seinem Arbeitszimmer her entgegen, entsann sich sofort der alten Zeit und bat sie mit verbindlichster Handbewegung, Platz zu nehmen. Sein ganzes Wesen  hatte  so  sehr  den  Ausdruck  des  Gütigen  und  Vertrauenerweckenden,  daß  die  Frage  nach seiner  Klugheit  nur  sehr  wenig  daneben  bedeutete.  Namentlich  für  solche,  die,  wie  Frau  von Carayon, mit einem Anliegen kamen. Und das sind bei Hofe die meisten. Er bestätigte durchaus die Lehre, daß eine wohlwollende Fürstenumgebung einer geistreichen immer weit vorzuziehen ist. Nur freilich sollen diese fürstlichen Privatdiener nicht auch Staatsdiener sein und nicht mitbestimmen und mitregieren wollen. General von Köckritz hatte sich so gesetzt, daß ihn Frau von Carayon im Profil hatte. Sein Kopf steckte halb in einem überaus hohen und steifen Uniformkragen, aus dem nach vorn hin ein Jabot quoll,  während  nach  hinten  ein  kleiner,  sauber  behandelter  Zopf  fiel.  Dieser  schien  ein  eigenes Leben zu führen und bewegte sich leicht und mit einer gewissen Koketterie hin und her, auch wenn an dem Manne selbst nicht die geringste Bewegung wahrzunehmen war. Frau  von  Carayon,  ohne  den  Ernst  ihrer  Lage  zu  vergessen,  erheiterte  sich  doch  offenbar  an diesem eigentümlich neckischen Spiel, und erst einmal ins Heitere gekommen, erschien ihr das, was ihr oblag, um vieles leichter und bezwingbarer und befähigte sie, mit Freimut über all und jedes zu sprechen,   auch   über   das,   was   man   als   den   »delikaten   Punkt«   in   ihrer   oder   ihrer   Tochter Angelegenheit bezeichnen konnte. Der  General  hatte  nicht  nur  aufmerksam,  sondern  auch  teilnahmevoll  zugehört  und  sagte,  als Frau von Carayon schwieg: »Ja, meine gnädigste  Frau, das sind sehr fatale Sachen, Sachen, von denen  Seine  Majestät  nicht  zu  hören  liebt,  weshalb  ich  im  allgemeinen  darüber  zu  schweigen pflege, wohlverstanden, solange nicht Abhilfe zu schaffen und überhaupt nichts zu bessern ist. Hier aber ist zu bessern, und ich würde meine Pflicht versäumen und Seiner Majestät einen schlechten Dienst  erweisen,  wenn  ich  ihm  einen  Fall  wie  den  Ihrigen  vorenthalten  oder,  da  Sie  selber gekommen  sind,  Ihre  Sache  vorzutragen,  Sie,  meine  gnädigste  Frau,  durch  künstlich  erfundene Schwierigkeiten an solchem Vortrage hindern wollte. Denn solche Schwierigkeiten sind allemalen erfundene Schwierigkeiten in einem Lande wie das unsere, wo von alter Zeit her die Fürsten und Könige  das  Recht  ihres  Volkes  wollen  und  nicht  gesonnen  sind,  der  Forderung  eines  solchen Rechtes bequem aus dem Wege zu gehen. Am allerwenigsten aber mein Allergnädigster König und Herr,  der  ein  starkes  Gefühl  für  das  Ebenmäßige  des  Rechts  und  eben  deshalb  einen  wahren Widerwillen und rechten Herzensabscheu gegen alle  diejenigen hat, die sich, wie manche Herren Offiziers,   insonderheit   aber   die   sonst   so   braven   und   tapferen   Offiziers   von   Dero   Regiment Gensdarmes, aus einem schlechten Dünkel allerlei Narretei zu permittieren geneigt sind, und es für angemessen und löblich oder doch zum mindesten für nicht unstatthaft halten, das Glück und den Ruf anderer ihrem Übermut und ihrer schlechten moralité zu opfern.« Frau von Carayons Augen füllten sich mit Tränen. »Que vous êtes bon, mon cher General.« »Nicht ich, meine teure Frau. Aber mein Allergnädigster König und Herr, der ist gut. Und ich denke, Sie sollen den Beweis dieser seiner Herzensgüte bald in Händen halten, trotzdem wir heut einen  schlimmen,  oder  sagen  wir  lieber  einen  schwierigen  Tag  haben.  Denn,  wie  Sie  vielleicht schon in Erfahrung gebracht haben, der König erwartet in wenig Stunden die Königin zurück, um nicht gestört zu werden in der Freude des Wiedersehens, deshalb befindet er sich hier, deshalb ist er hierhergegangen  nach  Paretz.  Und  nun  läuft  ihm  in  dies  Idyll  ein  Rechtfall  und  eine  Streitsache nach.  Und  eine  Streitsache  von  so  delikater  Natur.  Ja,  wirklich  ein  Scha bernack  ist  es  und  ein rechtes Schnippchen, das ihm die Laune der Frau Fortuna schlägt. Er will sich seines Liebesglückes freuen – Sie wissen, wie sehr er die Königin liebt –, und in demselben Augenblicke fast, der ihm sein Liebesglück bringen soll, hört er eine Geschichte von unglücklicher Liebe. Das verstimmt ihn. Aber  er  ist  zu  gütig,  um  dieser  Verstimmung  nicht  Herr  zu  werden,  und  treffen  wir’s  nur einigermaßen  leidlich,  so  müssen  wir  uns  aus  ebendiesem  Zusammentreffen  auch  noch  einen 61
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
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