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Der Schach von Wuthenow

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»Was  ich  unbegreiflich  finde«,  fuhr  Alvensleben  fort.  »Ich  habe  das  Stück  gelesen.  Er  will Luther  verherrlichen,  und  der  Pferdefuß  des  Jesuitismus  guckt  überall  unter  dem  schwarzen Doktormantel hervor. Am rätselhaftesten aber ist es mir, daß sich Iffland dafür interessiert, Iffland, ein Freimaurer.« »Woraus ich einfach schließen möchte, daß er  die Hauptrolle hat«, erwiderte Sander. »Unsere Prinzipien dauern gerade so lange, bis sie mit unsern Leidenschaften oder Eitelkeiten in Konflikt geraten,  und  ziehen  dann  jedesmal  den  kürzeren.  Er  wird  den  Luther  spielen  wollen.  Und  das entscheidet.« »Ich  bekenne,  daß  es  mir  widerstrebt«,  sagte  Victoire,  »die  Gestalt  Luthers  auf  der  Bühne  zu sehen. Oder geh ich darin zu weit?« Es  war  Alvensleben,  an  den  sich  die  Frage  gerichtet  hatte.  »Zu  weit?  Oh,  meine  teuerste Victoire,   gewiß   nicht.   Sie   sprechen   mir   ganz   aus   dem   Herzen.   Es   sind   meine   frühesten Erinnerungen,  daß  ich  in  unserer  Dorfkirche  saß  und  mein  alter  Vater  neben  mir,  der  alle Gesangbuchsverse  mitsang.  Und  links  neben  dem  Altar  da  hing  unser  Martin  Luther  in  ganzer Figur, die Bibel im Arm, die Rechte darauf gelegt, ein lebensvolles Bild, und sah zu mir herüber. Ich darf sagen, daß dies ernste Mannesgesicht an manchem Sonntage besser und eindringlicher zu mir  gepredigt  hat  als  unser  alter  Kluckhuhn,  der  zwar  dieselben  hohen  Back enknochen  und dieselben   weißen   Päffchen   hatte   wie   der   Reformator,   aber   auch   weiter   nichts.   Und   diesen Gottesmann,  nach  dem  wir  uns  nennen  und  unterscheiden,  und  zu  dem  ich  nie  anders  als  in Ehrfurcht  und  Andacht  aufgeschaut  habe,  den  will  ich  nicht  aus  den  Kulissen  oder  aus  einer Hintertür treten sehen. Auch nicht, wenn Iffland ihn gibt, den ich übrigens schätze, nicht bloß als Künstler, sondern auch als Mann von Grundsätzen und guter preuß ischer Gesinnung.« »Pectus  facit  oratorem«,  versicherte  Sander,  und  Victoire  jubelte.  Bülow  aber,  der  nicht  gern neue Götter neben sich duldete, warf sich in seinen Stuhl zurück und sagte, während er sein Kinn und seinen Spitzbart strich: »Es wird Sie nicht überraschen, mich im Dissens zu finden.« »Oh, gewiß nicht«, lachte Sander. »Nur dagegen möcht ich mich verwahren, als ob ich durch einen solchen Dissens irgendwie den Anwalt  dieses  pfäffischen  Zacharias  Werner  zu  machen  gedächte,  der  mir  in  seinen  mystisch- romantischen Tendenzen einfach zuwider ist. Ich bin niemandes Anwalt ...« »Auch nicht Luthers?« fragte Schach ironisch. »Auch nicht Luthers!« »Ein Glück, daß er dessen entbehren kann ...« »Aber auf wie lange?« fuhr Bülow sich aufrichtend fort. »Glauben Sie mir, Herr von Schach, auch  er  ist  in  der  Dekadenz,  wie  so  viel  anderes  mit  ihm,  und  über  ein  kleines  wird  keine Generalanwaltschaft der Welt ihn halten können.« »Ich habe Napoleon von einer ›Episode Preußen‹ sprechen hören«, erwiderte Schach. »Wollen uns  die  Herren  Neuerer,  und  Herr  von  Bülow  an  ihrer  Spitze, vielleicht auch mit einer ›Episode Luther‹ beglücken?« »Es  ist  so.  Sie  treffen  es.  Übrigens  sind  nicht  wir  es,  die  dies  Episodentum  schaffen  wollen. Dergleichen   schafft   nicht   der   einzelne,   die   Geschichte   schafft   es.   Und   dabei   wird   sich   ein wunderbarer Zusammenhang zwischen der Episode Preußen und der Episode Luther herausstellen. Es heißt auch da wieder: ›Sage mir, mit wem du umgehst, und ich will dir sagen, wer du bist‹. Ich bekenne, daß ich die Tage Preußens gezählt glaube, und ›wenn der Mantel fällt, muß der Herzog nach‹. Ich überlaß es Ihnen, die Rollen dabei zu verteilen. Die Zusammenhänge zwischen Staat und Kirche  werden  nicht  genugsam  gewürdigt;  jeder  Staat  ist  in  gewissem  Sinne  zugleich  auch  ein Kirchenstaat;  er  schließt  eine  Ehe  mit  der  Kirche,  und  soll  diese  Ehe  glücklich  sein,  so  müssen beide zueinander passen. In Preußen passen sie zueinander. Und warum? Weil beide gleich dürftig angelegt, gleich eng geraten sind. Es sind Kleinexistenzen, beide bestimmt, in etwas Größerem auf- oder unterzugehen. Und zwar bald. Hannibal ante portas.« »Ich glaubte, Sie dahin verstanden zu haben«, erwiderte Schach, »daß uns Graf Haugwitz nicht den Untergang, wohl aber die Rettung und den Frieden gebracht habe.« 6
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
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