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Der Schach von Wuthenow

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der Frau von Carayon auch in der zwischenliegenden halben Woche nicht einen Augenblick in den Sinn gekommen, etwas Näheres über das von dem Tantchen Angedeutete hören zu wollen. Endlich empfahl sich Alvensleben, und Frau von Carayon, alles Zwanges nunmehr los und ledig, eilte, während Tränen ihren Augen entstürzten,  in Victoirens Zimmer, um ihr die Mitteilung von Schachs Flucht zu machen. Denn eine Flucht war es. Victoire folgte jedem Wort. Aber, ob es nun ihre Hoffnung und Zuversicht oder umgekehrt ihre Resignation war, gleichviel, sie blieb ruhig. »Ich bitte dich, urteile nicht zu früh. Ein Brief von ihm wird eintreffen und über alles Aufklärung geben.  Laß  es  uns  abwarten;  du  wirst  sehen,  daß  du  deinem  Verdacht  und  deiner  Verstimmung gegen ihn mehr nachgegeben hast, als recht und billig war.« Aber Frau von Carayon wollte sich nicht umstimmen lassen. »Ich kannt ihn schon, als du noch ein Kind warst. Nur zu gut. Er ist eitel und hochfahrend, und die  prinzlichen  Höfe  haben  ihn  vollends  überschraubt.  Er  verfällt  mehr  und  mehr  ins  Ridiküle. Glaube  mir,  er  will  Einfluß  haben  und  zieht  sich  im  stillen  irgendeinen  politischen  oder  gar staatsmännischen  Ehrgeiz  groß.  Was  mich  aber  am  meisten  verdrießt,  ist  das,  er  hat  sich  auch plötzlich auf seinen Obotritenadel besonnen und fängt an, sein Schach- oder Schachentum für etwas ganz Besonderes in der Weltgeschichte zu halten.« »Und  tut  damit  nicht  mehr,  als  was  alle  tun  ...  Und  die  Schachs  sind  doch  wirklich  eine  alte Familie.« »Daran   mag   er   denken   und   das   Pfauenrad   schlagen,   wenn   er   über   seinen   Wuthenower Hühnerhof hingeht. Und solche Hühnerhöfe gibt es hier überall. Aber, was soll uns das? Oder zum wenigsten,    was    soll    es    dir?    An    mir    hätte    er    vorbeistolzieren    und    der    bürgerlichen Generalpächterstochter, der kleinen Roturière, den Rücken kehren können. Aber du, Victoire, du; du bist nicht bloß meine Tochter, du bist auch deines Vaters Tochter, du bist eine Carayon!«   Victoire sah die Mama mit einem Anfluge schelmischer Verwunderung an. »Ja, lache nur, Kind, lache laut, ich verüble dir’s nicht. Hast du mich doch selber oft genug über diese Dinge lachen sehen. Aber, meine süße Victoire, die Stunden sind nicht gleich, und heute bitt ich deinem Vater ab und dank ihm von Herzen, weil er mir in seinem Adelsstolze, mit dem er mich zur Verzweiflung gebracht und aus seiner Nähe hinweggelangweilt hat, eine willkommene Waffe gegen  diesen  mir  unerträglichen  Dünkel  in  die  Hand  gibt.  Schach,  Schach!  Was  ist  Schach?  Ich kenn ihre Geschichte nicht und will sie nicht kennen, aber ich wette diese meine Brosche gegen eine Stecknadel, daß du, wenn du das ganze Geschlecht auf die Tenne wirfst, da, wo der Wind am schärfsten geht, daß nichts übrigbleibt, sag ich,  als ein halbes Dutzend Obersten und Rittmeister, alle devotest erstorben und alle mit einer Pontaknase. Lehre mich diese Leute kennen!« »Aber, Mama ...« »Und nun die Carayons! Es ist wahr, ihre Wiege hat nicht an der Havel und nicht einmal an der Spree gestanden, und weder im Brandenburger noch im Havelberger Dom ist je geläutet worden, wenn einer von ihnen kam oder ging. Oh, ces pauvres gens, ces malheureux Carayons! Sie hatten ihre  Schlösser,  beiläufig  wirkliche  Schlösser,  so  bloß  armselig  an  der  Gironde  hin,  waren  bloß Girondins,  und  deines  Vaters  leibliche  Vettern  fielen  unter  der  Guillotine,  weil  sie  treu  und  frei zugleich waren und uneingeschüchtert durch das Geschrei des Berges für das Leben ihres Königs gestimmt hatten.« Immer verwunderter folgte Victoire. »Aber«, fuhr Frau von Carayon fort, »ich will nicht von Jüngstgeschehenem sprechen, will nicht sprechen von heute. Denn ich weiß wohl, das Vonheutesein ist immer ein Verbrechen in den Augen derer,  die  schon  gestern  da  waren,  gleichviel  wie.  Nein,  ich  will  von  alten  Zeiten  sprechen,  von Zeiten, als der erste Schach ins Land und an den Ruppiner See kam, und einen Wall und Graben zog, und eine lateinische Messe hörte, von der er nichts verstand. Eben damals zogen die Carayons, ces pauvres et malheureux Carayons, mit vor Jerusalem und eroberten es und befreiten es. Und als sie heimkamen, da kamen Sänger an ihren Hof, und sie sangen selbst, und als Victoire de Carayon – ja,  sie  hieß  auch  Victoire  –  sich  dem  großen  Grafen  von  Lusignan  vermählte,  dessen  erlauchter Bruder Großprior des hohen Ordens vom Spital und endlich König von Cypern war, da waren wir 57
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
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