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Der Schach von Wuthenow

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Es war, als ob er sich durch das Selbstgespräch, das er geführt, von dem Drucke, der auf ihm lastete, frei gemacht habe. Seine Sprache der alten Freundin gegenüber war jetzt natürlich, beinah herzlich, und ohne daß auch nur eine kleinste Wolke das wiederhergestellte Vertrauen der Frau von Carayon  getrübt  hätte,  besprachen  beide,  was  zu  tun  sei.  Schach  zeigte  sich  einverstanden  mit allem:  in  einer  Woche  Verlobung,  und  nach  drei  Wochen  die  Hochzeit.  Unmittelbar  nach  der Hochzeit  aber  sollte  das  junge  Paar  eine  Reise  nach  Italien  antreten  und  nicht  vor  Ablauf  eines Jahres  in  die  Heimat  zurückkehren,  Schach  nach  der  Hauptstadt,  Victoire  nach  Wuthenow,  dem alten Familiengute, das ihr, von einem früheren Besuche her (als Schachs Mutter noch lebte), in dankbarer und freundlicher Erinnerung war. Und war auch das Gut inzwischen in Pacht gegeben, so war  doch  noch  das  Schloß  da,  stand  frei  zur  Verfügung  und  konnte  jeden  Augenblick  bezogen werden. Nach  Festsetzungen  wie  diesen  trennte  man  sich.  Ein  Sonnenschein  lag  über  dem  Hause Carayon, und Victoire vergaß aller Betrübnis, die vorausgegangen w ar. Auch  Schach  legte  sich’s  zurecht.  Italien  wiederzusehen,  war  ihm  seit  seinem  ersten,  erst  um wenige Jahre zurückliegenden Aufenthalte daselbst ein brennender Wunsch geblieben; der erfüllte sich  nun;  und  kehrten  sie  dann  zurück,  so  ließ  sich  ohne  Schwierigkeit  auch  aus  der  geplanten doppelten Wirtschaftsführung allerlei Nutzen und Vorteil ziehen. Victoire hing an Landleben und Stille. Von Zeit zu Zeit nahm er dann Urlaub und fuhr oder ritt hinüber. Und dann gingen sie durch die Felder und plauderten. Oh, sie plauderte ja so gut, und war einfach und espritvoll zugleich. Und nach abermals einem Jahr, oder einem zweiten und dritten, je nun, da hatte sich’s verblutet, da war es tot und vergessen. Die Welt vergißt so leicht, und die Gesellschaft noch leichter. Und dann hi elt man seinen Einzug in das Eckhaus am Wilhelmplatz und freute sich beiderseits der Rückkehr in Verhältnisse, die doch schließlich nicht bloß seine, sondern auch ihre Heimat bedeuteten. Alles war überstanden und das Lebensschiff an der Klippe des Lächerlichen ni cht gescheitert. Armer Schach! Es war anders in den Sternen geschrieben. Die Woche, die bis zur Verlobungsanzeige vergehen sollte, war noch nicht um, als ihm ein Brief mit  voller  Titelaufschrift  und  einem  großen  roten  Siegel  ins  Haus  geschickt  wurde.  Den  ersten Augenblick hielt er’s für ein amtliches Schreiben (vielleicht eine Bestallung) und zögerte mit dem Öffnen,  um  die  Vorfreude  der  Erwartung  nicht  abzukürzen.  Aber  woher  kam  es?  von  wem?  Er prüfte  neugierig  das  Siegel  und  erkannte  nun  leicht,  daß  es  überhaupt  kein  Siegel,  sondern  ein Gemmenabdruck sei. Sonderbar. Und nun erbrach er’s, und ein Bild fiel ihm entgegen, eine radierte Skizze mit der Unterschrift: Le choix du Schach. Er wiederholte sich das Wort, ohne sich in ihm oder  dem  Bilde  selbst  zurechtfinden  ZU  können,  und  empfand  nur  ganz  allgemein  und  aufs unbestimmte hin etwas von Angriff und  Gefahr. Und wirklich, als er sich orientiert hatte, sah er, daß  sein  erstes  Gefühl  ein  richtiges  gewesen  war.  Unter  einem  Thronhimmel  saß  der  persische Schach,  erkennbar  an  seiner  hohen  Lammfellmütze,  während  an  der  untersten  Thronstufe  zwei weibliche  Gestalten  standen  und  des  Augenblicks  harrten,  wo  der  von  sein er  Höhe  her  kalt  und vornehm Dreinschauende seine Wahl zwischen ihnen getroffen haben würde. Der persische Schach aber  war  einfach  unser  Schach,  und  zwar  in  allerfrappantester  Porträtähnlichkeit,  während  die beiden  ihn  fragend  anblickenden  und  um  vieles  flüchtiger  skizzierten  Frauenköpfe  wenigstens ähnlich genug waren, um Frau von Carayon und Victoire mit aller Leichtigkeit erkennen zu lassen. Also nicht mehr und nicht weniger als eine Karikatur. Sein Verhältnis zu den Carayons hatte sich in der Stadt herumgesprochen und einer seiner Neider und Gegner, deren er nur zu viele hatte, hatte die Gelegenheit ergriffen, seinem boshaften Gelüst ein Genüge zu tun. Schach zitterte vor Scham und Zorn, alles Blut stieg ihm zu Kopf und es war ihm, als würd er vom Schlage getroffen. Einem  natürlichen  Verlangen  nach  Luft  und  Bewegung  folgend,  oder  vielleicht  auch  von  der Ahnung erfüllt, daß der letzte Pfeil noch nicht abgeschossen sei, nahm er Hut und Degen, um einen Spaziergang  zu  machen.  Begegnungen  und  Geplauder  sollten  ihn  zerstreuen,  ihm  seine  Ruhe wiedergeben. Was war es denn schließlich? Ein kleinlicher Akt der Rache. Die  Frische  draußen  tat  ihm  wohl;  er  atmete  freier  und  hatte  seine  gute  Laune  fast  schon wiedergewonnen, als er vom Wilhelmplatz her in die Linden einbiegend auf die schattigere Seite 47
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
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