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Der Schach von Wuthenow

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Sie schwieg einen Augenblick, während sie mit ihrem Battisttuch ihre Stirn berührte. Dann nahm sie das Wort wieder auf und setzte hinzu: »Freilich, es gibt ihrer, und nun gar unter uns Frauen, die den Spruch von der Linken, die nicht wissen soll, was die Rechte tut, dahin deuten, daß das Heute nicht  wissen  soll,  was  das  Gestern  tat.  Oder  wohl  gar  das  Vorgestern!  Ich  aber  gehöre  nicht  zu diesen  Virtuosinnen  des  Vergessens.  Ich  leugne  nichts,  will  es  nicht,  mag  es  nicht.  Und  nun verurteilen Sie mich, wenn Sie können.« Er war ersichtlich getroffen, als sie so sprach, und seine ganze Haltung zeigte, welche Gewalt sie noch immer über ihn ausübte. »Lieber Schach«, fuhr sie fort, »Sie sehen, ich gebe mich Ihrem Urteil preis. Aber wenn ich mich auch   bedingungslos   einer   jeden   Verteidigung   oder   Anwaltschaft   für   Josephine   von   Carayon enthalte, für Josephine – Verzeihung, Sie haben selbst den alten Namen wieder heraufbeschworen – , so darf ich doch nicht darauf verzichten, der Anwalt der Frau von Carayon zu sein, ihres Hauses und ihres Namens.« Es schien, daß Schach unterbrechen wollte. Sie ließ es aber nicht  zu. »Noch einen Augenblick. Ich  werde  gleich  gesagt  haben,  was  ich  zu  sagen  habe.  Victoire  hat  mich  gebeten,  über  alles  zu schweigen, nichts zu verraten, auch Ihnen nicht, und nichts zu verlangen. Zur Sühne für eine halbe Schuld  –  und  ich  rechne  hoch,  wenn  ich  von  einer  halben  Schuld  spreche  –  will  sie  die  ganze tragen, auch vor der Welt, und will sich in jenem romantischen Zuge, der ihr eigen ist, aus ihrem Unglück  ein  Glück  erziehen.  Sie  gefällt  sich  in  dem  Hochgefühl  des  Opfers,  in  einem  süßen Hinsterben für den, den sie liebt, und für das, was sie lieben wird. Aber so schwach ich in meiner Liebe  zu  Victoire  bin,  so  bin  ich  doch  nicht  schwach  genug,  ihr  in  dieser  Großmutskomödie  zu willen zu sein. Ich gehöre der Gesellschaft an, deren Bedingungen ich erfülle, deren Gesetzen ich mich  unterwerfe;  daraufhin  bin  ich  erzogen,  und  ich  habe  nicht  Lust,  einer  Opfermarotte  meiner einzig geliebten Tochter zuliebe meine gesellschaftliche Stellung mit zum Opfer zu bringen. Mit andern  Worten,  ich  habe  nicht  Lust,  ins  Kloster  zu  gehen  oder  die  dem  Irdischen  entrückte Säulenheilige   zu   spielen,   auch   nicht   um   Victoirens   willen.   Und   so   muß   ich   denn   auf Legitimisierung des Geschehenen dringen. Dies, mein Herr Rittmeister, war es, was ich Ihnen zu sagen hatte.« Schach, der inzwischen Gelegenheit gefunden hatte, sich wieder zu sammeln, erwiderte, »daß er wohl   wisse,   wie   jegliches   Ding   im   Leben   seine   natürliche   Konsequenz   habe.   Und   solcher Konsequenz  gedenk  er  sich  nicht  zu  entziehen.  Wenn  ihm  das,  was  er  jetzt  wisse,  bereits  früher bekannt geworden sei, würd er um eben die Schritte, die Frau von Carayon jetzt fordere, seinerseits aus freien Stücken gebeten haben. Er habe den Wunsch gehabt, unverheiratet zu bleiben, und von einer  solchen  langgehegten  Vorstellung  Abschied  zu  nehmen,  schaffe  momentan  eine  gewisse Verwirrung.   Aber   er   fühle   mit   nicht   minderer   Gewißheit,   daß   er   sich   zu   dem   Tage   zu beglückwünschen habe, der binnen kurzem diesen Wechsel in sein Leben bringen werde. Victoire sei der Mutter Tochter, das sei die beste Gewähr seiner Zukunft, die Verheißung eines wirklichen Glücks.« All  dies  wurde  sehr  artig  und  verbindlich  gesprochen,  aber  doch  zugleich  auch  mit  einer bemerkenswerten Kühle. Dies  empfand  Frau  von  Carayon  in  einer  ihr  nicht  nur  schmerzlichen,  sondern  sie  geradezu verletzenden Weise; das, was sie gehört hatte, war weder die Sprache der Liebe noch der Schuld, und als Schach schwieg, erwiderte sie spitz: »Ich bin Ihnen sehr dank bar für Ihre Worte, Herr von Schach,  ganz  besonders  auch  für  das,  was  sich  darin  an  meine  Person  richtete.  Daß  Ihr  ›Ja‹ rückhaltloser und ungesuchter hätte klingen können, empfinden Sie wohl am eignen Herzen. Aber gleichviel,  mir  genügt  das  ›Ja‹.  Denn,  wonach  dürst  ich  denn  am  Ende?  Nach  einer  Trauung  im Dom und einer Galahochzeit. Ich will mich einmal wieder in gelbem Atlas sehn, der mir kleidet, und haben wir dann erst unsren Fackeltanz getanzt und Victoirens Strumpfband zerschnitten – denn ein wenig prinzeßlich werden wir’s doch wohl halten müssen, schon um Tante Margueritens willen – nun, so geb ich Ihnen carte blanche, Sie sind dann wieder frei, frei wie der Vogel in der Luft, in Tun und Lassen, in Haß und Liebe, denn es ist dann einfach geschehen,  was geschehen mußte.« Schach schwieg. 44
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
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