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Der Schach von Wuthenow

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»Gescheitert, sagten Sie, Dussek. Aber gescheitert, woran?« »An  dem  Einfluß  der  Hofgeneralität.  Ich  habe  Rüchels  Namen  nennen  hören.  Er  hat  den Gelehrten gespielt und darauf hingewiesen, wie niedrig das Histrionentum immer und ewig in der Welt gestanden habe, mit alleiniger Ausnahme der neronischen Zeiten. Und die könnten doch kein Vorbild sein. Das half. Denn welcher allerchristlichste König will Nero sein oder auch nur  seinen Namen hören. Und so wissen wir denn, daß die Sache vorläufig ad acta verwiesen ist. Die Königin ist  chagriniert,  und  an  diesem  Allerhöchsten  Chagrin  müssen  wir  uns  vorläufig  genügen  lassen. Neue Zeit und alte Vorurteile.« »Lieber  Kapellmeister«,  sagte  Bülow,  »ich  sehe  zu  meinem  Bedauern,  daß  Ihre  Reflexionen Ihren   Empfindungen   weit   vorauf   sind.   Übrigens   ist   das   das   Allgemeine.   Sie   sprechen   von Vorurteilen, in denen wir stecken, und stecken selber drin. Sie, samt Ihrem ganzen Bürgertum, das keinen  neuen  freien  Gesellschaftszustand  schaffen,  sondern  sich  nur  eitel  und  eifersüchtig  in  die bevorzugten  alten  Klassen  einreihen  will.  Aber  damit  schaffen  Sie’s  nicht.  An  der  Stelle  der Eifersüchtelei, die jetzt das Herz unsres dritten Standes verzehrt, muß eine Gleichgültigkeit gegen alle diese Kindereien treten, die sich einfach überlebt haben. Wer Gespenster wirklich ignoriert, der arbeitet an ihrer Ausrottung. Und dadurch an Ausrottung einer wahren Epi demie ...« »Wie  Herr  von  Bülow  umgekehrt  an  Errichtung  eines  neuen  Königreichs  Utopien  arbeitet«, unterbrach Sander. »Ich meinerseits nehme vorläufig an, daß die Krankheit, von der er spricht, in der Richtung von Osten nach Westen immer weiter wachsen, aber nicht umgekehrt in der Richtung von   Westen   nach   Osten   hin   absterben   wird.   Im   Geiste   seh   ich   vielmehr   immer   neue Multiplikationen,   und   das   Erblühen   einer   Ordensflora   mit   vierundzwanzig   Klassen   wie   das Linnésche System.« Alle traten auf die Seite Sanders, am entschiedensten der Prinz. Es müsse durchaus etwas in der menschlichen Natur stecken, das, wie beispielsweise der Hang zu Schmuck und Putz, sich auch zu dieser Form der Quincaillerie hingezogen fühle. »Ja«, so fuhr er fort, »es gibt kaum einen Grad der Klugheit, der davor schützt. Sie werden doch alle Kalkreuth für einen klugen Mann halten, ja mehr, für einen Mann, der, wie wenige, von dem ›alles ist eitel‹ unsres Tuns und Trachtens durchdrungen sein muß. Und doch, als er den roten Adler erhielt, während er den schwarzen erwartet hatte, warf er ihn wütend ins Schubfach und schrie: ›Da liege, bis du schwarz wirst.‹ Eine Farbenänderung, die sich denn auch mittlerweile vollzogen hat.« »Es  ist  mit  Kalkreuth  ein  eigen  Ding«,  erwiderte  Bülow,  »und  offen  gestanden,  ein  andrer unserer Generäle, der gesagt haben soll: ›Ich gäbe den schwarzen drum, wenn ich den roten wieder los wäre‹, gefällt mir noch besser. Übrigens bin ich minder streng, als es den Anschein hat. Es gibt auch Auszeichnungen, die nicht als Auszeichnung  ansehn zu wollen einfach Beschränktheit oder niedrige Gesinnung wäre. Admiral Sidney Smith, berühmter Verteidiger von St. Jean d’Acre und Verächter aller Orden, legte doch Wert auf ein Schaustück, das ihm der Bischof von Acre mit den Worten überreicht hatte: ›Wir empfingen dieses Schaustück aus den Händen König Richards Cœur   de Lion, und geben es nach sechshundert Jahren einem seiner Landsleute zurück, der, heldenmütig wie er, unsre Stadt verteidigt hat.‹ Und ein Elender und Narr, setz ich hinzu, der sich einer solchen Auszeichnung nicht zu freuen versteht.« »Schätze mich glücklich, ein solches Wort aus Ihrem Munde zu hören«, erwiderte der Prinz. »Es bestärkt mich in meinen Gefühlen für Sie, lieber Bülow, und ist mir, Pardon, ein neuer Beweis, daß der Teufel nicht halb so schwarz ist, als er gemalt wird.« Der Prinz wollte weiter sprechen. Als aber in ebendiesem Augenblick einer der Diener an ihn herantrat und ihm zuflüsterte, daß der Rauchtisch arrangiert und der Kaffee serviert sei, hob er die Tafel auf und führte seine Gäste, während er Bülows Arm nahm, auf den an den Eßsaal angebauten Balkon. Eine große, blau und weiß gestreifte Marquise, deren Ringe lustig im Winde klapperten, war schon vorher herabgelassen worden, und unter ihren weit niederhängenden Fransen hinweg sah man,  flußaufwärts,  auf  die  halb  im  Nebel  liegenden  Türme  der  Stadt,  flußabwärts  aber  auf  die Charlottenburger  Parkbäume,  hinter  deren  eben  ergrünendem  Gezweige  die  Sonne  niederging. Jeder  blickte  schweigend  in  das  anmutige  Landschaftsbild  hinaus,  und  erst  als  die  Dämmerung angebrochen und eine hohe Sinumbralampe gebracht worden war, nahm man Platz und setzte die 28
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
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Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
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