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Der Schach von Wuthenow

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vorausberechnender   Weise   nicht   bloß   gestellt,   sondern   auch   beantwortet   hatte.   Die   höchste Dummheit, wie zuzugestehen ist, entzieht sich ebenso der Berechnung wie die höchste Klugheit – das   ist   eine   von   den   großen   Seiten   der   echten   und   unverfälschten   Stupidität.   Aber   jene ›Mittelklugen‹,   die   gerade   klug   genug   sind,   um   von   der   Lust,   ›es   auch   einmal   mit   etwas Geistreichem zu probieren‹, angewandelt zu werden, diese Mittelklugen sind allemal am leichtesten zu berechnen. Und warum? Weil sie jederzeit nur die Mode mitmachen und heute kopieren, was sie gestern sahen. Und das alles wußte der Kaiser. Hic haeret. Er hat sic h nie glänzender bewährt, als in dieser  Austerlitzer  Aktion,  auch  im  Nebensächlichen  nicht,  auch  nicht  in  jenen  Impromptus  und witzigen  Einfällen  auf  dem  Gebiete  des  Grausigen,  die  so  recht  eigentlich  das  Kennzeichen  des Genies sind.« »Ein Beispiel.« »Eins für hundert. Als das Zentrum schon durchbrochen war, hatte sich ein Teil der russischen Garde,   vier   Bataillone,   nach   ebensoviel   gefrorenen   Teichen   hin   zurückgezogen,   und   eine französische  Batterie  fuhr  auf,  um  mit  Kartätschen  in  die  Bataillone  hineinzufeuern.  In  diesem Augenblick erschien der Empereur. Er überblickte sofort das Besondere der Lage. ›Wozu hier ein Sichabmühen  en  détail?‹  Und  er  befahl,  mit  Vollkugeln  auf  das  Eis  zu  schießen.  Eine  Minute später, und das Eis barst und brach, und alle vier Bataillone gingen en carré in die morastige Tiefe. Solche vom Moment eingegebenen Blitze hat nur immer das Genie. Die Russen werden sich jetzt vornehmen,  es  bei  nächster  Gelegenheit  ebenso  zu  machen,  aber  wenn  Kutusow  auf  Eis  wartet, wird er plötzlich in Wasser oder Feuer stecken. Österreichrussische Tapferkeit in Ehren, nur  nicht ihr  Ingenium.  Irgendwo  heißt  es:  ›In  meinem  Wolfstornister  Regt  sich  des  Teufels  Küster,  Ein Kobold,  heißt  Genie‹  –  nun,  in  dem  russisch-österreichischen  Tornister  ist  dieser  ›Kobold  und Teufelsküster‹ nie und nimmer zu Hause gewesen. Und um dies Manko zu kassieren bedient man sich der alten, elenden Trostgründe: Bestechung und Verräterei. Jedem Besiegten wird es schwer, den Grund seiner Niederlagen an der einzig richtigen Stelle, nämlich in sich selbst zu suchen, und auch Kaiser Alexander, mein ich, verzichtet auf ein solches Nachforschen am recht eigentlichsten Platz.« »Und  wer  wollt  ihm  darüber  zürnen?«  antwortete  Schach. »Er tat das Seine, ja mehr. Als die Höhe  schon  verloren  und  doch  andrerseits  die  Möglichkeit  einer  Wiederherstellung  der  Schlacht noch nicht geschwunden war, ging er klingenden Spiels an der Spitze neuer Regimenter vor; sein Pferd  ward  ihm  unter  dem  Leibe  erschossen,  er  bestieg  ein  zweites,  und  eine  halbe  Stunde  lang schwankte die Schlacht. Wahre Wunder der Tapferkeit wurden verrichtet, und die Franzosen selbst haben es in enthusiastischen Ausdrücken anerkannt.« Der  Prinz,  der  bei  der  vorjährigen  Berliner  Anwesenheit  des  unausgese tzt  als  deliciae  generis humani  gepriesenen  Kaisers  keinen  allzu  günstigen  Eindruck  von  ihm  empfangen  hatte,  fand  es einigermaßen  unbequem,  den  »liebenswürdigsten  der  Menschen«  auch  noch  zum  »heldischsten« erhoben zu sehen. Er lächelte deshalb und sagte: »Seine kaiserliche Majestät in Ehren, so scheint es mir  doch,  lieber  Schach,  als  ob  Sie  französischen  Zeitungsberichten mehr Gewicht beilegten, als ihnen  beizulegen  ist.  Die  Franzosen  sind  kluge  Leute.  Je  mehr  Rühmens  sie  von  ihrem  Gegner machen,  desto  größer  wird  ihr  eigner  Ruhm,  und  dabei  schweig  ich  noch  von  allen  möglichen politischen  Gründen,  die  jetzt  sicherlich  mitsprechen.  ›Man  soll  seinem  Feinde  goldene  Brücken bauen‹, sagt das Sprichwort, und sagt es mit Recht, denn wer heute mein Feind war, kann morgen mein Verbündeter sein. Und in der Tat, es spukt schon dergleichen, ja, wenn ich recht unterrichtet bin,   so   verhandelt   man   bereits   über   eine   neue   Teilung   der   Welt,   will   sagen   über   die Wiederherstellung  eines  morgenländischen  und  abendländischen  Kaisertums.  Aber  lassen  wir Dinge, die noch in der Luft schweben, und erklären wir uns das dem Heldenkaiser gespendete Lob lieber einfach aus dem Rechnungssatze: ›Wenn der unterlegene russische Mut einen vollen Zentner wog, so wog der siegreich französische natürlich zwei.‹« Schach,  der  seit  Kaiser  Alexanders  Besuch  in  Berlin  das  Andreaskreuz  trug,  biß  sich  auf  die Lippen und wollte replizieren. Aber Bülow kam ihm zuvor und bemerkte: »Gegen ›unter dem Leibe erschossene  Kaiserpferde‹  bin  ich  überhaupt  immer  mißtrauisch.  Und  nun  gar  hier.  All  diese 25
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
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