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Der Schach von Wuthenow

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unser Leben ist. Königliche Hoheit haben freilich einen Haß gegen den armen Haugwitz, der mich insoweit überrascht, als dieser Lombard, der doch die Seele des Ganzen ist, von jeher Gnade vor Eurer Königlichen Hoheit Augen gefunden hat.« »Ah,  Lombard!  Den  Lombard  nehm  ich  nicht  ernsthaft  und  stell  ihm  außerdem  noch  in Rechnung, daß er ein halber Franzose ist. Dazu hat er eine Form des Witzes, die mich entwaffnet. Sie  wissen  doch,  sein  Vater  war  Friseur  und  seiner  Frau  Vater  ein  Barbier.  Und  nun  kommt ebendiese  Frau,  die  nicht  nur  eitel  ist  bis  zum  Närrischwerden,  sondern  auch  noch  schlechte französische Verse macht, und fragt ihn, was schöner sei: ›L’hirondelle frise la surface des eaux‹ oder ›l’hirondelle rase la surface des eaux?‹ Und was antwortet er? ›Ich sehe keinen Unterschied, meine  Teure;  L’hirondelle  frise  huldigt  meinem  Vater  und  l’hirondelle  rase  dem  deinigen.‹  In diesem Bonmot haben Sie den ganzen Lombard. Was mich aber persönlich angeht, so bekenn ich Ihnen offen, daß ich einer so witzigen Selbstpersiflage nicht widerstehen kann. Er ist ein Polisson, kein Charakter.« »Vielleicht,  daß  sich  ein  Gleiches  auch  von  Haugwitz  sagen  ließe,  zum  Guten  wie  zum Schlimmen.  Und  wirklich,  ich  geb  Eurer  Königlichen  Hoheit  den  Mann  preis.  Aber  nicht  seine Politik. Seine Politik ist gut, denn sie rechnet mit gegebenen Größen. Und Eure Königliche Hoheit wissen das besser als ich. Wie steht es denn in  Wahrheit mit unsren Kräften? Wir leben von der Hand  in  den  Mund,  und  warum?  weil  der  Staat  Friedrichs  des  Großen  nicht  ein  Land  mit  einer Armee,   sondern   eine   Armee   mit   einem   Lande   ist.   Unser   Land   ist   nur   Standquartier   und Verpflegungsmagazin. In sich selber entbehrt es aller großen Ressourcen. Siegen wir, so geht es; aber  Kriege  führen  dürfen  nur  solche  Länder,  die  Niederlagen  ertragen  können.  Das  können  wir nicht. Ist die Armee hin, so ist alles hin. Und wie schnell eine Armee hin sein kann, das hat uns Austerlitz gezeigt. Ein Hauch kann uns töten, gerad’ auch uns. ›Er blies, und die Armada zerstob in alle vier Winde.‹ Afflavit Deus et dissipati sunt.« »Herr von Bülow«, unterbrach hier Schach, »möge mir eine Bemerkung verzeihn. Er wird doch, denk  ich,  in  dem  Höllenbrodem,  der  jetzt  über  die  Welt  weht,  nicht  den  Odem  Gottes  erkennen wollen, nicht den, der die Armada zerblies.« »Doch, Herr von Schach. Oder glauben Sie wirklich, daß der Odem Gottes im Spezialdienste des Protestantismus oder gar Preußens und seiner Armee steht?« »Ich hoffe, ja.« »Und ich fürchte, nein. Wir haben die ›propreste Armee‹, das ist alles. Aber mit der ›Propretät‹ gewinnt man keine Schlachten. Erinnern Sich Königliche Hoheit der Worte des großen Königs, als General Lehwald ihm seine dreimal geschlagenen Regimenter in Parade vorführte? ›Propre Leute‹, hieß es. ›Da seh Er meine. Sehen aus wie die Grasdeibel, aber beißen.‹ Ich fürchte, wir haben je tzt zu viel Lehwaldsche Regimenter und zu wenig altenfritzige. Der Geist ist heraus, alles ist Dressur und Spielerei geworden. Gibt es doch Offiziere, die, der großen Prallheit und Drallheit halber, ihren Uniformrock direkt auf dem Leibe tragen. Alles Unnatur. Selbst das Marschierenkönnen, diese gan z gewöhnliche  Fähigkeit  des  Menschen,  die  Beine  zu  setzen,  ist  uns  in  dem  ewigen  Paradeschritt verloren  gegangen.  Und  Marschierenkönnen  ist  jetzt  die  erste  Bedingung  des  Erfolges.  Alle modernen Schlachten sind mit den Beinen gewonnen worden.« »Und  mit  Gold«,  unterbrach  hier  der  Prinz.  »Ihr  großer  Empereur,  lieber  Bülow,  hat  eine Vorliebe für kleine Mittel. Ja, für allerkleinste. Daß er lügt, ist sicher. Aber er ist auch ein Meister in der Kunst der Bestechung. Und wer hat uns die Augen darüber geö ffnet? Er selber. Lesen Sie, was  er  unmittelbar  vor  der  Austerlitzer  Bataille  sagte.  ›Soldaten‹,  hieß  es,  ›der  Feind  wird marschieren und unsre Flanke zu gewinnen suchen; bei dieser Marschbewegung aber wird er die seinige   preisgeben.   Wir   werden   uns   auf   diese   seine   Flanke   werfen   und   ihn   schlagen   und vernichten.‹ Und genauso verlief die Schlacht. Es ist unmöglich, daß er aus der bloßen Aufstellung der Österreicher auch schon ihren Schlachtplan erraten haben könnt e.« Man  schwieg.  Da  dies  Schweigen  aber  dem  lebhaften  Prinzen  um  vieles  peinlicher  war  als Widerspruch, so wandte er sich direkt an Bülow und sagte: »Widerlegen Sie mich.« »Königliche Hoheit befehlen, und so gehorch ich denn. Der Kaiser wußte genau, was geschehen werde,   konnt   es   wissen,   weil   er   sich   die   Frage   ›was   tut   hier   die   Mittelmäßigkeit‹   in 24
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
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