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Der Schach von Wuthenow

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»Das  ist  die  Kürche«,  sagte  das  Tantchen  und  zeigte  mit  ihrem  Parasol  auf  ein  neugedecktes Turmdach,  dessen  Rot  aus  allerlei  Gestrüpp  und  Gezweig  hervorschimmerte.  Victoire  bestätigte, was  sich  ohnehin  nicht  bestreiten  ließ,  und  wandte  sich  gleich  danach  nach  rückwärts,  um  die Mama  durch  eine  Kopf-  und  Handbewegung  zu  fragen,  ob  man  den  hier  abzweigenden  Fußpfad einschlagen  wolle?  Frau  von  Carayon  nickte  zustimmend,  und  Tante  und  Nichte  schritten  in  der angedeuteten Richtung weiter. Überall aus dem braunen Acker stiegen Lerchen auf, die hier, noch ehe  die  Saat  heraus  war,  schon  ihr  Furchennest  gebaut  hatten;  ganz  zuletzt  aber  kam  ein  Stück brachliegendes  Feld,  das  bis  an  die  Kirchhofsmauer  lief,  und,  außer  einer  spärlichen  Grasnarbe, nichts aufwies als einen trichterförmigen Tümpel, in dem ein Unkenpaar musizierte, während der Rand des Tümpels in hohen Binsen stand. »Sieh, Victoire, das sind Binsen.« »Ja, liebe Tante.« »Kannst  du  dir  denken,  ma  chère,  daß,  als  ich  jung  war,  die  Binsen  als  kleine  Nachtlichter gebraucht wurden, und auch wirklich ganz ruhig auf einem Glase schwammen, wenn man krank war oder auch bloß nicht schlafen konnte ...« »Gewiß«,  sagte  Victoire.  »Jetzt  nimmt  man  Wachsfädchen,  die  man  zerschneidet  und  in  ein Kartenstückchen steckt.« »Ganz recht, mein Engelchen. Aber früher waren es Binsen, des joncs. Und sie brannten auch. Und deshalb erzähl ich es dir. Denn sie müssen doch ein natürliches Fett gehabt haben, ich möchte sagen etwas Kienenes.« »Es ist wohl möglich«, antwortete Victoire, die der Tante nie widersprach, und horchte, während sie dies sagte, nach dem Tümpel hin, in dem das Musizieren der Unken immer lauter wurde. Gleich danach aber sah sie, daß ein halberwachsenes Mädchen von der Kirche her im vollen Lauf auf sie zukam und mit einem zottigen weißen Spitz sich neckte, der bellend und beißend an der Kleinen emporsprang.  Dabei  warf  die  Kleine,  mitten  im  Lauf,  einen  an  einem  Strick  und  einem  Klöppel hängenden  Kirchenschlüssel  in  die  Luft  und  fing  ihn  so  geschickt  wieder  auf,  daß  weder  der Schlüssel  noch  der  Klöppel  ihr  weh  tun  konnten.  Zuletzt  aber  blieb   sie  stehn  und  hielt  die  linke Hand vor die Augen, weil die niedergehende Sonne sie blendete. »Bist du die Küsterstochter?« fragte Victoire. »Ja«, sagte das Kind. »Dann bitte, gib uns den Schlüssel oder komm mit uns und schließ uns die Kirche wieder auf. Wir möchten sie gerne sehen, wir und die Herrschaften da.« »Gerne«,   sagte   das   Kind   und   lief   wieder   vorauf,   überkletterte   die   Kirchhofsmauer   und verschwand alsbald hinter den Haselnuß- und Hagebuttensträuchern, die hier so reichlich standen, daß sie, trotzdem sie noch kahl waren, eine dichte Hecke bildeten. Das Tantchen und Victoire folgten ihr und stiegen langsam über verfallene Gräber weg, die der Frühling  noch  nirgends  mit  seiner  Hand  berührt  hatte;  nirgends  zeigte  sich  ein  Blatt,  und  nur unmittelbar neben der Kirche war eine schattig-feuchte Stelle wie mit Veilchen überdeckt. Victoire bückte  sich,  um  hastig  davon  zu  pflücken,  und  als  Schach  und  Frau  von  Carayon  im  nächsten Augenblick den eigentlichen Hauptweg des Kirchhofes heraufkamen, ging ihnen Victoire entgegen und gab der Mutter die Veilchen. Die Kleine hatte mittlerweile schon aufgeschlossen und saß wartend auf dem Schwellstein; als aber  beide  Paare  heran  waren,  erhob  sie  sich  rasch  und  trat,  allen  vorauf,  in  die  Kirche,  deren Chorstühle  fast  so  schräg  standen  wie  die  Grabkreuze  draußen.  Alles  wirkte  kümmerlich  und zerfallen;  der  eben  sinkende  Sonnenball  aber,  der  hinter  den  nach  Abend  zu  gelegenen  Fenstern stand,   übergoß   die   Wände   mit   einem   rötlichen   Schimmer   und   erneuerte,   für   Augenblicke wenigstens, die längst blind gewordene Vergoldung der alten Altarheiligen, die hier noch, aus der katholischen   Zeit   her,   ihr   Dasein   fristeten.   Es   konnte   nicht   ausbleiben,   daß   das   genferisch reformierte Tantchen aufrichtig erschrak, als sie dieser »Götzen« ansichtig wurde. Schach aber, der unter seine Liebhabereien auch die Genealogie zählte, fragte bei der Kleinen an, ob nicht vielleicht alte Grabsteine da wären? 18
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit Umwandlungsgesetz, Wertpapiererw...
Zivilprozeßordnung. ZPO
 
   
 
     
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