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Der Schach von Wuthenow

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4. In Tempelhof Der nächste Morgen sah Frau von Carayon und Tochter in demselben Eckzimmer, in dem sie den Abend vorher ihre Freunde bei sich empfangen hatten. Beide liebten das Zimmer und gaben ihm  auf  Kosten  aller  anderen  den  Vorzug.  Es  hatte  drei  hohe  Fenster,  von  denen  die  beiden untereinander im rechten Winkel stehenden auf die Behren- und Charlottenstraße sahen, während das   dritte,   türartige,   das   ganze,   breit   abgestumpfte   Eck   einnahm   und   auf   einen   mit   einem vergoldeten Rokokogitter eingefaßten Balkon hinausführte. Sobald es die Jahreszeit erlaubte, stand diese Balkontür offen und gestatete, von beinah jeder Stelle des Zimmers aus einen Blick auf das benachbarte  Straßentreiben,  das,  der  aristokratischen  Gegend  uneracht et,  zu  mancher  Zeit  ein besonders belebtes war, am meisten um die Zeit der Frühjahrsparaden, wo nicht bloß die berühmten alten  Infanterieregimenter  der  Berliner  Garnison,  sondern,  was  für  die  Carayons  wichtiger  war, auch  die  Regimenter  der  Garde  du  Corps  und  Gensdarmes  unter  dem  Klang  ihrer  silbernen Trompeten an dem Hause vorüberzogen. Bei solcher Gelegenheit (wo sich dann selbstverständlich die  Augen  der  Herrn  Offiziers  zu  dem  Balkon  hinaufrichteten)  hatte  das  Eckzimmer  erst  seinen eigentlichen Wert und hätte gegen kein anderes vertauscht werden können. Aber es war auch an stillen Tagen ein reizendes Zimmer, vornehm und gemütlich zugleich. Hier lag der türkische Teppich, der noch die glänzenden, fast ein halbes Menschenalter zurückliegenden Petersburger  Tage  des  Hauses  Carayon  gesehen  hatte,  hier  stand  die  malachitne  Stutzuhr,  ein Geschenk der Kaiserin Katharina, und hier paradierte vor allem auch der große, reich vergoldete Trumeau, der der schönen Frau täglich aufs neue versichern mußte, daß sie noch eine schöne Frau sei. Victoire ließ zwar keine Gelegenheit vorübergehn, die Mutter  über diesen wichtigen Punkt zu beruhigen, aber Frau von Carayon war doch klug genug, es sich jeden Morgen durch ihr von ihr selbst zu kontrollierendes Spiegelbild neu bestätigen zu lassen. Ob ihr Blick in solchem Momente zu dem Bilde des mit einem roten Ordensband in ganzer Figur über dem Sofa hängenden Herrn von Carayon hinüberglitt, oder ob sich ihr ein stattlicheres Bild vor die Seele stellte, war für niemanden zweifelhaft, der die häuslichen Verhältnisse nur einigermaßen kannte. Denn Herr von Carayon war ein  kleiner,  schwarzer  Koloniefranzose  gewesen,  der,  außer  einigen  in  der  Nähe  von  Bordeaux lebenden  vornehmen  Carayons  und  einer  ihn  mit  Stolz  erfüllenden  Zugehörigkeit  zur  Legation, nichts Erhebliches in die Ehe mitgebracht hatte. Am wenigsten aber männliche Schönheit. Es  schlug  elf,  erst  draußen,  dann  in  dem  Eckzimmer,  in  welchem  beide  Damen  an  einem Tapisserierahmen beschäftigt waren. Die Balkontür war weit auf, denn trotz des Regens, der bis an den Morgen gedauert hatte, stand die Sonne schon wieder hell am Himmel und erzeugte so ziemlich dieselbe Schwüle, die schon den Tag vorher geherrscht hatte. Victoire blickte von ihrer Arbeit auf und erkannte den Schachschen kleinen Groom, der mit Stulpenstiefeln und zwei Farben am Hut, von denen sie zu sagen liebte, daß es die Schachschen »Landesfarben« seien, die Charlottenstraße heraufkam. »O sieh nur«, sagte Victoire, »da kommt Schachs kleiner Ned. Und wie wichtig er wieder tut! Aber er wird auch zu sehr verwöhnt und immer mehr eine Puppe. Was er nur bringen mag?« Ihre Neugier sollte nicht lange unbefriedigt bleiben. Schon einen Augenblick später hörten beide die Klingel gehn, und ein alter Diener in Gamaschen, der noch die vornehmen Petersburger Tage miterlebt hatte, trat ein, um auf einem silbernen Tellerchen ein Billet zu überreichen. Victoire nahm es. Es war an Frau von Carayon adressiert. »An dich, Mama.« »Lies nur«, sagte diese. »Nein, du selbst; ich hab eine Scheu vor Geheimnissen.« »Närrin«, lachte die Mutter und erbrach das Billet und las: » Meine gnädigste Frau. Der Regen der vorigen Nacht hat nicht nur die Wege gebessert, sondern auch die Luft. Alles in allem ein so schöner  Tag,  wie  sie  der  April  uns  Hyperboreern  nur  selten  gewährt.  Ich  werde  vier  Uhr  mit meinem  Wagen  vor  Ihrer  Wohnung  halten,  um  Sie  und  Fräulein  Victoire  zu  einer  Spazierfahrt 13
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Mit Vertrag über die abschließen...
Strafgesetzbuch StGB
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit Umwandlungsges...
Wettbewerbsrecht, Markenrecht und Kartellrecht
 
   
 
     
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